Das Krokodil - oder: Wie ich meine Wut fand

​Wieder einmal ein filmreifer Traum. Ganz dunkel erinnerte ich mich beim Aufwachen an Rebellion, Kampf, Liebe, Verlust und farbenprächtige Szenerien. Was jedoch detailliert und glasklar in Erinnerung war - selbst heute noch: Das Krokodil.

Es hatte im Traum keine große Rolle gespielt. In einer einzigen Situation - ich hatte am Wasser gestanden - war es aufgetaucht und hatte mich angesehen. Dann war es wieder abgetaucht. Das wars. Keine Dramatik, keine Gefahr, keine große Sache.

Keine große Sache?

Ich hatte es beim Aufwachen vor Augen, in allen Details. Sogar detailreicher als in der Realität. Der Traum verblasste bereits, das Bild des Tiers blieb, verstärkte sich sogar.

Als ich nachschlug, fand ich viele Worte. Keines resonierte mit mir.

Die Trommelreise

Den ganzen Tag ging mir das Tier nicht aus dem Sinn. Ich wusste, hier ist eine Reise fällig. Endlich wieder daheim bereitete ich meinen Raum vor, räucherte mich ab, griff meine Trommel und begann das rhythmische Spiel. Der Klang erdet mich und öffnet die Tore gleichermaßen. Schon als ich die Augen schloss, war das Krokodil da. Es hatte geduldig auf mich gewartet.

"Sei gegrüßt. Bist du mir wohlgesonnen?" Das Gespräch begann. Zugegeben, es war kurz, eher einsilbig, geprägt von Brummen, Knarren und Zischen. Das Tier war kein großer Redner. Auf die Fragen "Was willst du von mir? Was ist deine Botschaft?" blickte es mir tief in die Augen, drehte sich um und tappte ins Wasser. Der riesige Ozean hinter ihm war gerade noch nicht dagewesen. Das Bild des Fährmanns blitzte auf, Charon, der die Seelen über den Styx brachte. Geht es in die Unterwelt? Ins Totenreich? 

Wieder wartete das Krokodil geduldig. Ich stieg auf seinen Rücken und bemerkte erst jetzt, wie unglaublich riesig es war. Es schwamm los, gleichmäßig, unaufgeregt. Während wir durch das Wasser glitten, bemerkte ich mein Schutzsymbol auf seinem Rücken. Auch saß eine meiner geistigen FührerInnen plötzlich mir gegenüber. Wir trommelten nun auch in dieser Welt. Ich bemerkte Stücke von Zeugs im Wasser, Treibholz, Algenknoten und immer öfter Mist. "Das gehört hier nicht hin", dachte ich und begann, den Müll aus dem Wasser zu fischen. In der Mitte meines Symbols erschien eine Lichtsäule, in der ich all diesen Dreck auflösen durfte.

Mit jedem einzelnen Stück,
das ich so auflöste, fühlte ich mich
leichter, 
freier, fröhlicher und glücklicher.

Und dann sah ich sie. Eine Flammenwand, die den Ozean überzog und einen großen Teil des Horizonts einnahm. Sofort dachte ich an einen Ölteppich - wie nach einem großen Tankerunfall - , der Feuer gefangen hatte. Erschrocken bat ich das Krokodil, mich dorthin zu bringen. Es grunzte zufrieden und trug mich den Flammen entgegen.

Ich versuchte zu löschen. Wie ich zuvor den Müll aus dem Wasser gefischt und in die Lichtsäule geschaufelt hatte, versuchte ich nun das Wasser selbst zu schaufeln und damit die Flammen zu ersticken. Wahrlich ein Tropfen auf dem heißen Stein. Es zischte und dampfte, doch das Feuer wurde nicht kleiner. Es brannte völlig unbeeindruckt weiter. Dann versuchte ich ihm das Futter zu entziehen und die nicht brennenden Teile der Müllinsel wegzuschaffen. Das brachte etwas mehr Erfolg, doch der gewaltige Brand zeigte nicht die geringste Neigung, zu schrumpfen.

Nachdenklich sank ich zurück. Dort, auf dem Rücken eines riesigen Krokodils, neben einer gleißenden, reinigenden Lichtsäule, gegenüber meiner Begleiterin, verstand ich plötzlich:

Dieser Brand loderte seit über 30 Jahren in mir. Wut, die ich nie zugelassen hatte. Wut, die brüllend und fauchend zurückgedrängt worden war. Wut, die hier, im Ozean der Emotionen, einen Platz gefunden hatte, wo sie sein durfte. Und unbeachtet, ungeliebt, unausgedrückt, ignoriert und verdrängt vor sich hin gebrannt hat - und somit auch nie die Chance bekommen hatte, auszubrennen und zu verlöschen.

"Ich danke dir", sagte ich fest zu dem Krokodil. "Danke, dass du mich hierher gebracht hast. Ich kümmere mich darum." Doch dies würde eine gänzlich andere Reise. Das wusste auch das Krokodil und brachte mich gemütlich, ruhig und besonnen zurück.

Alles hat seine Zeit

Wie oben erwähnt, konnte ich damals beim Nachschlagen nicht wirklich eine Deutung für das Krokodil finden, die sich für mich stimmig anfühlte. Als ich für diesen Artikel nochmal nachschlug, fand ich sofort die Sätze, die perfekt passten: 

Schwimmt das Krokodil als Krafttier in Ihr Leben, gilt es alte Wunden zu heilen und Mißbrauch in Ihrer Vergangenheit aufzuarbeiten. (...) Als flinker Schwimmer zeigt Ihnen das Krafttier Krokodil, wie Sie sich mit Leichtigkeit durch die Gefühlswelt bewegen anstatt das Schwimmen zu vergessen und durch Trauer in Depression, Selbstmitleid oder Hoffnungslosigkeit zu versinken und in einem Teufelskreis zu landen.

© Wiebke Haarkemper​ - Schamanische Krafttiere

Dieser Satz hatte auch damals schon dort gestanden. Ich hatte ihn nicht wahrgenommen. Es hat nun einmal alles seine Zeit. Nicht immer sind wir in der Lage, die Botschaften, das Wissen. die Hilfe und den Rat, die uns umgeben, schon zu verstehen. Und manchmal wollen wir das auch nicht.

Deswegen führt mich mein Weg inzwischen immer in die Meditation, in meinen inneren Raum, um direkt nachzufragen. Nicht immer bin ich dabei allein. Manche Dinge verursachen dieses komische Grummeln im Bauch. Dann bin ich bei meinem Schamanen, meiner Medizinfrau, strecke meine Hand in mein Netzwerk aus, und gehe erst in Begleitung los. 

Wie Krafttiere zu mir kommen: Im Traum
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